Irdeto B.V. – Vom Decoder zum DRM-Giganten
Ein Blick zurück auf den stillen Riesen der digitalen Kontrolle
Die Anfänge – Als alles mit Pay-TV begann
In einer Zeit, als Fernsehen noch ein Luxus war und Satellitenschüsseln wie Science-Fiction wirkten, begann 1969 im niederländischen Hoofddorp eine unscheinbare Firma namens Irdeto ihre Arbeit. Was kaum jemand ahnte: Diese Firma sollte in den folgenden Jahrzehnten zu einem der wichtigsten, aber unsichtbarsten Akteure der digitalen Sicherheitslandschaft werden.
Irdeto startete als Anbieter von Conditional Access Systems (CAS) – also Systemen, die steuern, wer was sehen darf. Die ersten Kunden? Pay-TV-Sender, die endlich ein Ende für das „gratis Gucken“ suchten.
Irdeto 1 & 2 – Das goldene Zeitalter der Decoder-Hacker
In den 1990er- und 2000er-Jahren erlebte Irdeto seine große Bühne:
Mit Irdeto 1 und später Irdeto 2 lieferte die Firma die Verschlüsselung für Dutzende von Pay-TV-Anbietern – von Premiere über Canal+ bis zu südafrikanischen Diensten wie DStv von MultiChoice.
Doch: Wo Verschlüsselung ist, sind Hacker nicht weit.
Die „Smartcard-Szene“ – damals berüchtigt für Tools wie Funcard, Goldcard, EMU-Software, Cardsharing, Oscam – nahm Irdeto ins Visier. In Wohnzimmern und Sat-Foren begann der Kampf zwischen Irdeto-Ingenieuren und Hobby-Hackern, die gezielt EMM- und ECM-Streams analysierten, um kostenlose Zugänge zu Pay-TV-Angeboten zu erhalten. Es gab aber auch Angriffe gezielt aus Laboren, die die Smartcards gehackt haben.
Und so wurde Irdeto unfreiwillig zu einer der meistgehackten Verschlüsselungen ihrer Zeit.
Afrika & Europa – Zwei Pfeiler der Irdeto-Strategie
🇿🇦 Südafrika
Ein oft übersehener, aber zentraler Markt: Südafrika.
Hier sitzt Irdetos Muttergesellschaft MultiChoice Group, der größte Pay-TV-Anbieter Afrikas mit der Plattform DStv. Irdeto ist seit jeher technischer Rückhalt für ganz Afrika, was TV-Schutz, Decoderentwicklung und Plattformzugriff betrifft. Viele Innovationen wurden zuerst dort getestet, bevor sie nach Europa kamen.
🇳🇱 Niederlande (Hoofddorp)
Der Hauptsitz in Hoofddorp bei Amsterdam ist bis heute das strategische Zentrum von Irdeto. Von hier aus werden globale Projekte koordiniert: von Software-Schutzlösungen für Videospiele bis zu Sicherheitsplattformen für die Automobilindustrie.
Wandel zum Software-DRM-Anbieter
Ab 2010 veränderte sich der Markt – und Irdeto gleich mit.
Streamingdienste wie Netflix, App-Stores, digitale Plattformen: Überall braucht es Schutz vor Piraterie.
Irdeto positionierte sich neu:
- Einstieg in Software-DRM
- Schutz für VoD-Portale, Apps und Mediaplayer
- DRM für eLearning-Plattformen, Gesundheitsanwendungen und mehr
Mit Irdeto Rights, Cloakware und eigenen SDKs bietet das Unternehmen heute Lösungen, die in Milliarden Geräten weltweit integriert sind – meist völlig unbemerkt.
Denuvo – Irdetos heißestes Eisen
2018 kaufte Irdeto das österreichische Unternehmen Denuvo, dessen Anti-Tamper-Technologie vor allem PC-Spielern bekannt ist – oder besser gesagt: verhasst.
Denuvo schützt Spiele wie Assassin’s Creed, Resident Evil oder FIFA vor Crack-Versuchen. Viele Cracker-Gruppen wie CPY, EMPRESS oder FLT lieferten sich jahrelange Kämpfe mit der Technologie – mal mit Erfolg, mal nicht.
Irdeto brachte Struktur, Skalierung und globale Partner zu Denuvo.
Ob man es mag oder nicht: Ohne Irdeto gäbe es kein modernes Denuvo.
Automotive, IoT und mehr – Irdeto im Jahr 2025
Heute ist Irdeto viel mehr als ein TV-Verschlüssler.
Das Unternehmen bietet Sicherheitslösungen für:
- Fahrzeuge (ECU-, Infotainment- & Over-the-Air-Schutz)
- Medizinische Geräte & IoT-Plattformen
- Drohnen, Energie- & Smart-Grid-Systeme
- Anti-Cheat-Lösungen für Online-Games (mit Denuvo SecureD)
Mit Kunden in über 140 Ländern und mehr als 2 Milliarden gesicherten Geräten weltweit, ist Irdeto heute einer der stillen Riesen der Cybersecurity-Welt.
Zwischen Schutz und Kontrolle
Irdeto bewegt sich auf einem schmalen Grat:
- Einerseits liefert es notwendige Sicherheit in einer digitalen Welt voller Piraterie und Angriffen.
- Andererseits steht es oft in der Kritik für DRM-Monopole, Performanceverluste (z. B. durch Denuvo) und versteckte Kontrolle.
Doch eines ist sicher: Ohne Irdeto würde digitale Sicherheit heute anders aussehen.



