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Rundfunkbeitrag, Satellit und Smartcard: Fakten, Kosten und Reformoptionen im Faktencheck

Seit 2013 zahlt jeder Haushalt in Deutschland pauschal 18,36 Euro pro Monat für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – unabhängig davon, ob ein Empfangsgerät vorhanden ist oder ob die Inhalte überhaupt genutzt werden. Diese Regelung löste die früheren geräteabhängigen GEZ-Gebühren ab und soll die Finanzierung von ARD, ZDF und Deutschlandradio sicherstellen.

Gleichzeitig werden die Programme dieser Sender über den Satelliten Astra 19,2° Ost unverschlüsselt und frei empfangbar ausgestrahlt – technisch europaweit, obwohl Lizenzen meist nur für Deutschland oder den deutschsprachigen Raum erworben wurden. Das Ergebnis: ein System, das historisch gewachsen, technisch überdimensioniert und strukturell teuer ist.

Dieser Artikel analysiert nüchtern und faktenbasiert die Geschichte, die Kosten, die Satellitenstruktur sowie mögliche Reformoptionen inklusive Smartcard- und Streaming-Modellen – und zieht einen direkten Vergleich mit Netflix und Sky.


1. Historische Entwicklung der Rundfunkfinanzierung

1.1 Die GEZ-Ära (bis 2012)

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde lange Zeit durch eine Gerätegebühr finanziert. Wer ein Fernsehgerät oder Radio besaß, musste sich bei der Gebühreneinzugszentrale (GEZ) anmelden und zahlen. Wer keine Geräte hatte oder nachweislich nicht empfangen konnte, war befreit.

Dieses System führte zu enormem Verwaltungsaufwand: GEZ-Mitarbeiter kontrollierten Haushalte, es gab Beschwerden über aggressive Prüfmethoden, und die zunehmende Verbreitung von Computern, Tablets und Smartphones machte die Gerätedefinition immer schwieriger handhabbar.

1.2 Die Reform 2013: Der Haushaltsbeitrag

Am 1. Januar 2013 wurde die Gerätegebühr durch den Rundfunkbeitrag ersetzt. Seitdem gilt: Jeder Haushalt zahlt pauschal, unabhängig von Geräten oder Nutzung. Die Begründung: In der Digitalwirtschaft sei praktisch jedes internetfähige Gerät ein potenzielles Empfangsgerät.

Diese Umstellung stabilisierte die Einnahmen und vereinfachte die Erhebung. Sie löste jedoch massive Kritik aus: Viele Bürger empfinden die Zahlung als Zwangsabgabe, da sie nun auch dann zahlen müssen, wenn sie keinerlei öffentlich-rechtliche Inhalte konsumieren.

1.3 Digitalisierung und Satellitenstruktur

Parallel zur Finanzierungsreform vollzog sich die Digitalisierung des Rundfunks. Analogsignale wurden schrittweise abgeschaltet, DVB-S2-Technologie (digitales HD-Satellitensignal) wurde Standard. Bis Ende 2024 schalteten ARD und im November 2025 ZDF ihre SD-Signale auf Astra vollständig ab. Seitdem wird ausschließlich in HD ausgestrahlt.

Die Zahl der belegten Transponder und die Anzahl der ausgestrahlten Programme blieb trotzdem hoch – durch regionale Varianten, Spartenkanäle und parallele Gemeinschaftsprogramme.

JahrEreignis
Bis 2012GEZ-Gebühr nach Empfangsgeräten (TV, Radio, PC)
2013Einführung des pauschalen Rundfunkbeitrags pro Haushalt (18,36 €/Monat)
2013–2024Schrittweise Abschaltung analoger Signale, Umstieg auf HD
Ende 2024ARD beendet SD-Übertragung auf Astra
November 2025ZDF beendet SD-Übertragung vollständig
Ab 2025Ausschließlich HD-Ausstrahlung – aber weiterhin viele Transponder belegt

2. Finanzierung und Kostenstruktur

2.1 Einnahmen

Der Rundfunkbeitrag generiert jährlich rund 8,8 bis 9,2 Milliarden Euro. Hinzu kommen Werbung, Sponsoring und sonstige Einnahmen. Das Gesamtbudget 2024 liegt bei schätzungsweise 9 bis 10 Milliarden Euro.

Deutschland gehört damit zu den finanziell am stärksten ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Rundfunksystemen weltweit.

Sender / InstitutionBudget pro JahrAnteil
ARD (Landesrundfunkanstalten)6 – 7 Mrd. €ca. 65–70 %
ZDFca. 2,2 Mrd. €ca. 22 %
Deutschlandradioca. 0,3 Mrd. €ca. 3 %
Landesmedienanstaltenca. 0,16 Mrd. €ca. 2 %
GESAMTca. 9 – 10 Mrd. €100 %

2.2 Kostenstruktur

KostenblockBetrag pro JahrAnteil
Personal & Pensionsrückstellungen3,5 – 4,0 Mrd. €~40 %
Programm, Lizenzen & Eigenproduktionen2,5 – 3,5 Mrd. €~30 %
Technik & Infrastruktur (Sat, Kabel, IT, Studios)1,0 – 1,5 Mrd. €~13 %
Verwaltung, Immobilien, Förderprojekteca. 1,0 Mrd. €~10 %
Sonstigesca. 0,5 Mrd. €~5 %

2.3 Kosten pro Haushalt

18,36 €/Monat = 220,32 € pro Jahr pro Haushalt. Bei ca. 40 Millionen beitragspflichtigen Haushalten ergibt sich ein Gesamtaufkommen von rund 8,8 bis 9,2 Milliarden Euro jährlich.


3. Satellitenverbreitung: Transponder, Kosten und Redundanz

3.1 Astra 19,2° Ost – der Hauptsatellit

Der Satellit Astra 19,2° Ost ist die wichtigste Plattform für deutschsprachiges Fernsehen. Alle großen öffentlich-rechtlichen Programme werden dort ausgestrahlt – frei empfangbar (Free-to-Air), ohne Smartcard oder Verschlüsselung.

Das Signal reicht technisch bis Nordafrika und große Teile Osteuropas – weit über das Lizenzgebiet Deutschland hinaus.

3.2 Transponderbelegung

Ein Transponder ist ein Sendekanal auf dem Satelliten. Jeder HD-Transponder kostet ca. 1 bis 3 Millionen Euro pro Jahr.

TransponderFrequenzProgramme (Beispiele)
1911,494 GHzDas Erste HD, Arte HD, SWR HD
2511,582 GHzBR HD, NDR FS HD, Phoenix HD
2111,523 GHzWDR HD Köln, WDR-Varianten
6110,891 GHzMDR HD, hr-Fernsehen HD, rbb HD
3911,053 GHztagesschau24 HD, SR HD, ONE HD, ARD alpha HD
1011,347 GHz3sat HD, KiKA HD, ZDFinfo HD

3.3 Regionale Varianten und Redundanz

Neben den Hauptprogrammen strahlen die Landesrundfunkanstalten regionale Varianten aus, die jeweils eigene Transponderkapazität benötigen:

  • WDR: Regionalprogramme für Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Aachen und weitere Regionen
  • MDR: Separate Programme für Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt
  • SWR: Varianten für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
  • NDR: Programme für Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen

Diese regionalen Varianten unterscheiden sich hauptsächlich in regionalen Nachrichtensendungen, senden aber große Teile des identischen Programms parallel auf eigenen Transpondern.

3.4 Transponderkosten – Gesamtübersicht

SenderHD-TransponderKosten (1–3 Mio. €)Smartcard-Modell
WDR~1212 – 36 Mio. €/Jahr1 = 1–3 Mio. €
MDR~33 – 9 Mio. €/Jahr1 = 1–3 Mio. €
SWR~22 – 6 Mio. €/Jahr1 = 1–3 Mio. €
NDR, BR, rbb, SR~1010 – 30 Mio. €/Jahr1–2 = 1–6 Mio. €
ARD/ZDF Hauptprogramme~55 – 15 Mio. €/Jahr1–2 = 1–6 Mio. €
KiKA, 3sat, Arte, ZDFinfo~44 – 12 Mio. €/Jahr1 = 1–3 Mio. €
GESAMT (ca.)~3636 – 108 Mio. €/Jahr6–10 = 6–30 Mio. €

Einsparpotenzial durch Smartcard/CAS-Modell bei Satellit: ca. 22 bis 78 Millionen Euro pro Jahr – allein durch Reduktion der Transponderzahl.


4. KiKA – Der 24/7-Kinderkanal als Strukturproblem

4.1 Was ist KiKA?

KiKA (Kinderkanal) ist ein Gemeinschaftsprojekt von ARD und ZDF, das seit 1997 ausschließlich Kinderprogramme ausstrahlt. Er sendet 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche, auf Satellit, Kabel, IPTV und digital.

4.2 Budget und Kostenstruktur

KostenblockBetrag/Jahr (Schätzung)
Programmproduktion (Cartoons, Eigenformate)ca. 150 Mio. €
Personal & Verwaltungca. 50 Mio. €
Technik & Verbreitung (Satellit, Kabel, IP)30 – 50 Mio. €
GESAMTca. 180 – 250 Mio. €

4.3 Das 24/7-Problem erklärt

Auf den ersten Blick absurd: Ein Kinderkanal sendet rund um die Uhr, obwohl Kinder nachts schlafen. Was steckt dahinter?

  • Nachtbetrieb: Läuft vollautomatisch (Playout-Automation mit Wiederholungen und Archivmaterial). Kaum zusätzliche Personalkosten.
  • Transponderkosten: Der Satellitentransponder wird pro Jahr bezahlt, unabhängig davon ob tags oder nachts gesendet wird.
  • Technische Anforderung: Kabel- und Satellitplattformen erwarten 24/7-Signale. Abschalten ist technisch aufwändiger als Durchsenden.

Wichtige Klarstellung: Eine Nachtabschaltung würde kaum Geld sparen – weniger als 1 Million Euro pro Jahr. Das ist nicht das eigentliche Problem.

Das echte Strukturproblem ist ein anderes: Braucht es im Jahr 2025 noch einen eigenen linearen 24/7-Kinderkanal mit voller Infrastruktur?

  • Streaming-Alternativen: YouTube Kids, Netflix Kids, Disney+, Apple TV+ – alle bieten umfangreiche Kinderprogramme auf Abruf.
  • ARD/ZDF-Mediatheken: Sämtliche KiKA-Inhalte könnten auch per Mediathek bereitgestellt werden.
  • Nutzungsverhalten: Kinder unter 14 Jahren nutzen zunehmend Streaming statt lineares TV.

Echtes Einsparpotenzial: Abschaffung des linearen KiKA-Satellitenkanals zugunsten Mediathek-only = 30 bis 50 Millionen Euro pro Jahr, ohne den Bildungsauftrag zu gefährden.


5. Lizenz- und Rechtsproblematik der Satellitenausstrahlung

5.1 Wie Lizenzen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk funktionieren

Wenn ARD oder ZDF einen Hollywood-Film, eine Serie oder Sportrechte kaufen, erwerben sie in der Regel nur die Rechte für ein bestimmtes Territorium – meistens Deutschland oder den deutschsprachigen Raum (DACH: Deutschland, Österreich, Schweiz). Diese territoriale Lizenzierung ist Standard in der Medienbranche.

5.2 Das Satellitenproblem

Ein Satellitensignal respektiert keine Landesgrenzen. Astra 19,2° Ost erreicht technisch alle EU-Mitgliedsstaaten, Großteile Nordafrikas, den Nahen Osten und bis weit nach Russland.

Das bedeutet: Jedes frei ausgestrahlte Programm von ARD oder ZDF ist technisch in ganz Europa empfangbar – auch wenn die Lizenzen nur für Deutschland gelten. Das ist eine lizenzrechtliche Grauzone, die historisch toleriert wurde, aber formal problematisch ist.

5.3 Kosten der Lizenzen

LizenztypTypische Kosten
Hollywood-Film (Free-TV-Erstverwertung)50.000 – mehrere Mio. € pro Film
US-Serie (pro Staffel)100.000 – mehrere Mio. €
Sportrechte (z.B. Bundesliga)mehrere hundert Mio. €
Sportrechte (Olympia, WM)mehrere hundert Mio. €
GESAMT ARD + ZDF Lizenzengeschätzt 1 – 2 Mrd. €/Jahr

5.4 Wie Smartcard dieses Problem löst

Ein CAS-System mit Smartcard ermöglicht Geoblocking (nur Geräte mit gültiger deutscher Smartcard können entschlüsseln), präzisere Lizenzierung und günstigere Rechte, da nur 40 Millionen Haushalte statt 200+ Millionen empfangen können.

Einsparpotenzial durch Smartcard bei Lizenzen: schätzungsweise 200 bis 800 Millionen Euro pro Jahr.


6. Smartcard- und CAS-Modelle: Technische Optionen

6.1 Was ist ein CAS?

Ein Conditional Access System (CAS) ist eine Technologie zur Verschlüsselung von TV-Signalen. Nur Empfänger mit gültiger Smartcard oder CI+-Modul können das Signal entschlüsseln. Diese Technologie ist seit Jahrzehnten im Einsatz – bei Sky, HD+ und sogar beim ORF in Österreich, der sein Satellitensignal verschlüsselt, obwohl er öffentlich-rechtlich ist.

6.2 Drei mögliche Modelle

Modell A – Hybridmodell (Moderate Reform)

  • 1 frei empfangbarer Grundversorgungskanal (Nachrichten, Bildung)
  • Alle Unterhaltungsprogramme, Regionalprogramme, Filme und Serien verschlüsselt
  • Zahlung per Smartcard/CI+ nur für Nutzer, die mehr als den Grundkanal sehen wollen
  • Drastische Reduktion der Satellitentransponder

Modell B – Streaming-first (Radikale Reform)

  • Nur Nachrichten und Bildungsformate bleiben frei und linear
  • Alles andere: On-Demand über Mediathek, kostenpflichtig
  • Satellit: max. 1–2 Transponder für den Grundkanal
  • Föderale Strukturen stark zentralisiert

Modell C – Vollständige Umstellung auf Pay-per-Use

  • Kein Haushaltsbeitrag mehr
  • Vollständiges Pay-TV-Modell für Unterhaltung
  • Grundversorgung (Nachrichten, Katastrophenschutz) über steuerfinanziertes Minimum

7. Szenario-Berechnungen: Status quo vs. Smartcard

7.1 Einsparpotenziale im Überblick

BereichSzenario A (Moderat)Szenario B (Radikal)
Satellitenkapazität20 – 80 Mio. €/Jahr100 – 140 Mio. €/Jahr
KiKA linear → Mediathek30 – 50 Mio. €/Jahr50 – 70 Mio. €/Jahr
Film- und Serienlizenzen200 – 400 Mio. €/Jahr500 – 1.500 Mio. €/Jahr
Verwaltungskosten200 – 400 Mio. €/Jahr500 – 1.000 Mio. €/Jahr
Technik & Studios50 – 100 Mio. €/Jahr300 – 600 Mio. €/Jahr
Beitragsservice-Wegfall100 – 190 Mio. €/Jahr190 Mio. €/Jahr
GESAMT EINSPARUNG600 – 1.220 Mio. €/Jahr1.640 – 3.500 Mio. €/Jahr

7.2 Einsparung pro Haushalt

Bei ca. 40 Millionen beitragspflichtigen Haushalten ergibt sich:

SzenarioEinsparung pro Haushalt/Jahr
Szenario A (Moderate Reform)15 – 31 € pro Jahr
Szenario B (Radikale Reform)41 – 88 € pro Jahr

Transparenzhinweis: Diese Berechnungen sind Szenario-Schätzungen auf Basis öffentlich zugänglicher Daten und Branchenrichtwerte. Sie dienen der Größenordnung und sind keine offiziellen Zahlen der Sender.

7.3 Was bleibt auch im Sparmodell?

Alle Modelle gehen davon aus, dass die verfassungsrechtlich geforderte Grundversorgung erhalten bleibt. Dazu gehören Nachrichtenprogramme (Tagesschau, heute), politische Berichterstattung, Bildungsangebote, Katastrophenschutz und regionale Nachrichten.


8. Vergleich: Netflix, Sky und der öffentlich-rechtliche Rundfunk

8.1 Netflix

TarifPreis/MonatLeistung
Standard mit Werbungca. 4,99 €HD, 2 Streams, Werbung
Standard ohne Werbungca. 13,99 €Full HD, 2 Streams
Premiumca. 19,99 €4K UHD, 4 Streams, Downloads

Netflix bietet ein großes On-Demand-Angebot mit tausenden Filmen und Serien, viele Eigenproduktionen, kein lineares TV. Technik global zentralisiert, kein Satellit, nur Internet-Streaming.

8.2 Sky / WOW

PaketPreis/MonatLeistung
Sky Stream Basisab ca. 4,99 €Grundpaket
Entertainment Plusca. 9,99 €Serien + Netflix-Integration
Entertainment + Cinemaca. 19,99 €Filme, Serien, Streaming-Bundles
Sport (Bundesliga, Formel 1 etc.)21,99 – 34,99 €+Live-Sportrechte

8.3 Direkter Vergleich

KriteriumNetflixSkyORF (AT)ARD/ZDF (DE)
Monatl. Kosten4,99–19,99 €4,99–35 €+15,30 €18,36 €
ZahlungfreiwilligfreiwilligPflichtPflicht
VerschlüsselungJa (Login)Ja (CI+)Ja (Smartcard)Nein
Satellitneinja, verschl.ja, verschl.ja, frei
GeoblockingJaJaJaNein
Infrastrukturzentralzentralzentralföderaal, redundant

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich mit dem ORF: Österreich hat seit 2022 eine Haushaltsabgabe ähnlich der deutschen – aber die öffentlich-rechtlichen Programme werden auf Satellit verschlüsselt ausgestrahlt. Das zeigt: Das Smartcard-Modell ist auch für öffentlich-rechtliche Sender technisch und rechtlich problemlos möglich.


9. Föderalismus als Kostentreiber

9.1 Neun Landesrundfunkanstalten

Deutschland hat neun Landesrundfunkanstalten in der ARD, jede mit eigener Verwaltung, eigenem Intendanten, eigenen Techniksystemen, eigenen Studios und eigenem Programm.

AnstaltEinzugsgebiet
BR (Bayerischer Rundfunk)Bayern
HR (Hessischer Rundfunk)Hessen
MDRSachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen
NDRHamburg, Schleswig-Holstein, MV, Niedersachsen
RB (Radio Bremen)Bremen
rbbBerlin, Brandenburg
SR (Saarländischer Rundfunk)Saarland
SWRBaden-Württemberg, Rheinland-Pfalz
WDRNordrhein-Westfalen

9.2 Parallelstrukturen

Jede dieser Anstalten hält vor: eigene Intendanz, eigene Verwaltung, eigene Techniksysteme und Studios sowie eigene Digitalprojekte. Viele Verwaltungs- und Technikaufgaben werden neunfach parallel durchgeführt, obwohl sie zentral effizienter und günstiger erledigt werden könnten.

9.3 Einsparpotenzial durch Zentralisierung

BereichGeschätztes Einsparpotenzial
Verwaltungszentralisierung (10–30 %)250 – 750 Mio. €/Jahr
Technische Infrastruktur (Konsolidierung)150 – 400 Mio. €/Jahr
Pensionsreform / Rückstellungsoptimierunglangfristig mehrere Mrd. €

10. Rechtliche Einordnung

10.1 Verfassungsrechtlicher Status

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) hat den Rundfunkbeitrag in mehreren Entscheidungen als grundsätzlich verfassungskonform bestätigt. Die Begründung: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dient der demokratischen Grundversorgung und darf solidarisch finanziert werden.

10.2 Staatsverträge als Rechtsgrundlage

Die Finanzierung ist geregelt im Rundfunkbeitragsstaatsvertrag, Rundfunkfinanzierungsstaatsvertrag und Medienstaatsvertrag (MStV). Änderungen benötigen die Zustimmung aller 16 Bundesländer – was Reformen extrem träge macht.

10.3 Was die Verfassung NICHT vorschreibt

Wichtig für die Reformdebatte: Die Verfassung schreibt nicht vor, dass der Rundfunk unverschlüsselt ausgestrahlt werden muss, dass er über Satellit verbreitet werden muss, dass er durch eine Haushaltsabgabe finanziert werden muss oder dass neun Landesrundfunkanstalten existieren müssen.

Das BVerfG verlangt nur: Die Grundversorgung mit Information, Bildung und demokratischer Berichterstattung muss sichergestellt sein. WIE das geschieht, ist politisch gestaltbar.


11. Gesamtrechnung: Was könnte Deutschland einsparen?

Szenario A – Konservative Schätzung (Moderate Reform)

MaßnahmeEinsparung/Jahr
Satellitenreduktion (Smartcard)20 – 80 Mio. €
KiKA: linear → Mediathek30 – 50 Mio. €
Lizenzkostenreduktion (Geoblocking)200 – 400 Mio. €
Verwaltungseffizienz (Teilzentralisierung)200 – 400 Mio. €
Beitragsservice-Vereinfachung100 – 190 Mio. €
GESAMT SZENARIO A550 – 1.120 Mio. €/Jahr

Szenario B – Weitreichende Schätzung (Radikale Reform)

MaßnahmeEinsparung/Jahr
Satellitenreduktion auf 1–2 Transponder100 – 140 Mio. €
KiKA komplett auf Mediathek50 – 70 Mio. €
Lizenzreduktion durch Smartcard & Reichweite500 – 1.500 Mio. €
Föderalstruktur stark reduzieren500 – 1.000 Mio. €
Technik & Studios konsolidieren300 – 600 Mio. €
Beitragsservice vollständig umstellen190 Mio. €
GESAMT SZENARIO B1.640 – 3.500 Mio. €/Jahr

Fazit: Selbst bei einer moderaten Reform ließen sich über 500 Millionen Euro jährlich einsparen – ohne die Grundversorgung zu gefährden. Bei radikalen Strukturreformen sind Einsparungen von über 3 Milliarden Euro pro Jahr möglich.


12. Fazit

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland ist eines der teuersten öffentlich-rechtlichen Mediensysteme weltweit. Seine aktuelle Struktur ist historisch gewachsen – aus der Zeit analoger Gerätegebühren, regionaler Förderpolitik und eines Fernsehkonsums, der heute fundamental anders ist als in den 1990er Jahren.

Die Satellitenverbreitung mit dutzenden Transpondern, die unverschlüsselte europaweite Ausstrahlung, ein 24/7-Kinderkanal im linearen TV und neunfach parallele Verwaltungsstrukturen sind keine technischen Notwendigkeiten. Sie sind das Ergebnis politischer Entscheidungen – und können durch politische Entscheidungen geändert werden.

Smartcard- und Streaming-Modelle, wie sie bei Netflix, Sky und dem öffentlich-rechtlichen ORF bereits erfolgreich im Einsatz sind, zeigen: Die Technologie ist kein Hindernis. Die Einsparpotenziale sind real und erheblich. Was fehlt, ist der politische Wille zur Reform.

Reformoptionen stehen nicht im Widerspruch zur verfassungsrechtlich gesicherten Grundversorgung – solange Nachrichten, Bildung und demokratische Berichterstattung zugänglich bleiben. Der Rest ist eine Frage der Effizienz, der Nutzung moderner Technik und des politischen Mutes.


Quellen

  • ARD Hilfe-Portal (hilfe.ard.de): Empfangsparameter für Satellitenempfang
  • SatIndex / KingOfSat: Aktuelle Transponderbelegungen auf Astra 19,2° Ost
  • Jahresberichte ARD/ZDF: Finanz- und Kostenstruktur
  • Medienstaatsvertrag der Länder: Rechtsgrundlagen
  • Bundesverfassungsgericht: Urteile zum Rundfunkbeitrag (bverfg.de)
  • Bundeszentrale für politische Bildung: Hintergrundberichte
  • Netflix.com: Aktuelle Tarifübersicht
  • Sky.de / WOW: Aktuelle Paketpreise

Hinweis: Alle Kostenangaben und Szenario-Berechnungen in diesem Artikel sind Schätzungen auf Basis öffentlich zugänglicher Daten und Branchenrichtwerte. Sie erheben keinen Anspruch auf buchhalterische Präzision, sondern dienen der Verdeutlichung von Größenordnungen. ARD, ZDF und Deutschlandradio veröffentlichen Jahresberichte, die als primäre Quellen für exakte Zahlen herangezogen werden sollten.

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