Denuvo gegen voices38: Die Klage, die ohne Urheberrecht auskommt
Am 14. September 2026 ist eine Klage eingegangen, die auf den ersten Blick aussieht wie viele andere im Umfeld von Spielepiraterie. Auf den zweiten Blick ist sie das genaue Gegenteil. Denn geklagt hat nicht ein Publisher. Geklagt hat der Kopierschutzhersteller selbst — und er besitzt an keinem einzigen der betroffenen Spiele die Rechte.
📋 Kurzfassung: Denuvo — über Irdeto Teil der südafrikanischen Naspers-Gruppe — verklagt den anonymen Cracker voices38 vor einem US-Bundesgericht. Der eigentliche Zweck des Verfahrens ist nicht Schadensersatz, sondern ein Name.
- Eingereicht: 14. September 2026, Northern District of California, Az. 5:26-cv-10423
- Vorwurf: Umgehung des Anti-Tamper-Schutzes bei 26 Windows-Spielen
- Grundlage: DMCA § 1201 — Umgehungsverbot, nicht Urheberrechtsverletzung
- Nächster Termin: Case Management Conference am 16. Dezember 2026
Der juristische Kniff: eine Klage ganz ohne Urheberrecht
Denuvo gehören weder Hogwarts Legacy noch Black Myth: Wukong noch irgendein anderer der 26 genannten Titel. Die betroffenen Publisher sind an dem Verfahren nicht einmal beteiligt — und sie verteilen sich quer durch die Branche:
| Publisher | genannte Titel (Auswahl) |
|---|---|
| Electronic Arts (7) | Need for Speed Heat, FIFA 20, FIFA 21, Star Wars: Squadrons, NFS Hot Pursuit Remastered, F1 2021, Dead Space Remastered |
| Sega (4) | Total War: Three Kingdoms, Sonic Frontiers, Shining Resonance Refrain, Shin Megami Tensei III Nocturne HD |
| Ubisoft (4) | Anno 1800, Assassin’s Creed Mirage, Starlink: Battle for Atlas, Scott Pilgrim vs. The World |
| weitere | Hogwarts Legacy, Black Myth: Wukong, Resident Evil Requiem, Doom: The Dark Ages, 007 First Light, PES 2020 |
Keiner dieser Konzerne klagt. Nach klassischem Urheberrecht hätte Denuvo selbst gar keine Handhabe.
Die Klage stützt sich deshalb auf § 1201 des US-Urheberrechts, das Umgehungsverbot aus dem DMCA. Dieser Paragraf schützt nicht das Werk, sondern die technische Schutzmaßnahme davor. Das Überwinden des Schlosses ist ein eigener Tatbestand — unabhängig davon, ob jemand das Haus dahinter überhaupt betritt.
Für jeden, der sich mit Zugangskontrolle beschäftigt, ist das der eigentlich bemerkenswerte Teil: Hier klagt der Schlosshersteller, nicht der Hausbesitzer. Wenn das trägt, braucht es künftig keinen Rechteinhaber mehr, um gegen einen Cracker vorzugehen. Es genügt, das Schloss gebaut zu haben.
Wie weit das reichen soll, zeigt der Antrag selbst. Die beantragte Unterlassung soll nicht nur die 26 Titel abdecken, sondern auch Spiele, die es noch gar nicht gibt. Verboten würde also das Umgehen des Schutzes an sich — unbefristet und ohne Bezug zu einem konkreten Werk. Die Klage richtet sich zudem nicht nur gegen voices38, sondern gegen „Does 1 bis 10″, also bis zu zehn weitere, bislang unbenannte Personen.
Worum es wirklich geht: um einen Namen
Am 2. Oktober hat Denuvo expedited discovery beantragt — Auskunft von Dritten also, bevor das reguläre Beweisverfahren überhaupt beginnt. Die Liste ist aufschlussreich:
- Von Valve: zu sieben Steam-Konten die Registrierungsdaten, Namen, Rechnungsadressen, Zahlungsmittel, Transaktionshistorie, IP-Adressen mit Zeitstempel, Geräte-IDs und verknüpfte Konten
- Von Discord: Kontodaten, Serverzugehörigkeiten, Rollen
- Von Reddit: Beiträge, Kommentare, Subreddit-Mitgliedschaften
Das ist kein Schadensersatzprozess, bei dem die Identifizierung nebenbei abfällt. Das ist eine Identifizierungsmaßnahme, für die die Klage der Hebel ist. Dass überhaupt ein Gericht in Kalifornien zuständig ist, liegt wesentlich daran, dass Reddit und Discord dort sitzen — die Plattformen begründen den Gerichtsstand und sind zugleich das Ziel der Auskunftsersuchen.
Dass Denuvo überhaupt weiß, wonach es fragen will, liegt an eigener Vorarbeit: Die Klage verknüpft eine Discord-Nutzer-ID, ein Reddit-Konto und sieben Steam-Profile miteinander. Entscheidend ist dabei das Wort „verknüpft“ — eine Behauptung in einer Klageschrift ist kein Identitätsnachweis, sondern erst einmal eine These, die das Verfahren belegen müsste.
Valve und Reddit haben bislang auf ihre Datenschutzbestimmungen verwiesen und ohne Rechtsgrundlage nichts herausgegeben. Discord hat nicht reagiert. Ob die Subpoenas überhaupt zugelassen werden, muss das Gericht erst entscheiden.
Die Krypto-Spur, die niemand verfolgt
In einer Erklärung von Denuvos Anwalt tauchen Transaktionen in Bitcoin, Ethereum und Solana auf, abgewickelt über den Tauschdienst FixedFloat. voices38 bittet im NFO um Spenden in Kryptowährung, insofern passt das ins Bild.
Zwei Dinge fallen daran auf. Erstens bleibt offen, wie die Transaktionen überhaupt zugeordnet wurden. Zweitens, und das finde ich deutlich spannender: FixedFloat selbst wurde nicht zur Auskunft aufgefordert. Entweder hält man die Spur für aussichtslos — oder man hat die Daten längst anderswo her.
Technisch interessant: Patch statt Hypervisor
Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Wege, an Denuvo vorbeizukommen, und der Unterschied ist für dieses Verfahren wichtiger, als er zunächst wirkt.
Der Hypervisor-Weg lässt den Schutz unangetastet und täuscht ihm eine normale Umgebung vor. Das Spiel läuft virtualisiert, Denuvo prüft munter weiter und bekommt auf jede Frage die Antwort, die es hören will. Diesen Weg nutzte die Gruppe DenuvOwO.
Der direkte Weg greift in die Prüfungen im Spiel selbst ein. Aufwendiger, für jeden Titel neu zu machen — dafür nicht zentral abschaltbar. Genau das wirft Denuvo voices38 vor.
Dass dieser Unterschied zählt, zeigt der Verlauf: Den Hypervisor-Weg hat Denuvo bei über 60 Spielen technisch dichtgemacht. DenuvOwO hat sich inzwischen aufgelöst und nennt die Klage als Grund. Der eine Pfad wurde also technisch geschlossen, der andere wird juristisch angegangen. Wer schon gesehen hat, wie bei Smartcards erst die Technik nachzog und dann die Staatsanwaltschaft, erkennt das Muster auf Anhieb.
Warum mich das an Pay-TV erinnert
Man muss sich die Eigentumskette ansehen, um zu verstehen, warum hier nichts Neues passiert:
- Naspers — südafrikanischer Konzern, groß geworden unter anderem mit Bezahlfernsehen
- Prosus — seit 2019 das in den Niederlanden gebündelte Auslandsgeschäft von Naspers
- Irdeto — seit 1969 in Hoofddorp, Verschlüsselung für Pay-TV, hundertprozentig im Konzern
- Denuvo — Salzburg, Anti-Tamper für Spiele, seit dem 1. Januar 2018 vollständig bei Irdeto
Denuvo ist also weder Tochter noch Enkelin, sondern Urenkelin — und zwar eines Hauses, das sein Geld selbst mit verschlüsseltem Fernsehen verdient hat. Dieses Haus macht genau das seit Jahrzehnten, nur bisher auf einer anderen Bühne. Dieselbe Abfolge habe ich im Pay-TV beschrieben: Erst hält die Technik. Dann hält sie nicht mehr. Dann verlagert sich der Konflikt ins Rechtliche und ins Ermittlerische.
2018 gab es das schon einmal in dieser Härte. Damals wurde Voksi, einer der bekanntesten Denuvo-Gegner, in Bulgarien festgenommen — nach Ermittlungen, die von Irdeto ausgingen. Der Unterschied zu heute: Damals endete es mit einer Hausdurchsuchung. Heute beginnt es mit einem Antrag auf Auskunft bei Valve.
Neu ist nicht die Methode. Neu ist die Bühne.
Eine Einschränkung an dieser Stelle: Dass Irdeto zu Naspers gehört, ist für 2018 gut belegt. Wo genau das Unternehmen nach der Prosus-Abspaltung im Konzern hängt, geben öffentliche Quellen nicht eindeutig her — an der Richtung ändert das nichts.
Was das für die Szene bedeutet
Bemerkenswert ist, wen Denuvo bisher nicht verklagt hat. Weder EMPRESS noch CODEX, beide über Jahre aktiv und alles andere als unbekannt. Dass es ausgerechnet voices38 trifft, dürfte weniger mit der Person zu tun haben als mit der Methode: Der direkte Patch ist der Weg, den man technisch nicht zudrehen kann.
Beeindruckt zeigt sich der Beklagte bisher nicht. Auf die Klage reagierte er mit einem knappen „All is fine. Everything will continue as normal.“ — und lieferte danach weiter: Atomfall am 7. Oktober, Stunden später einen neu gebauten Crackfix für das Dead Space Remake, dazu The Adventures of Elliot.
Damit ist die Liste der 26 Titel streng genommen schon beim Einreichen veraltet gewesen. Unter demselben Namen sind seither weitere Denuvo-Spiele gefallen, darunter Persona 3 Reload und Star Wars Outlaws. Ein Verfahren, das Monate oder Jahre läuft, gegen einen Gegner, der im Wochentakt nachlegt — das ist die eigentliche Asymmetrie.
Meine Einordnung
Der interessante Ausgang dieses Verfahrens ist nicht, ob voices38 identifiziert wird. Interessant ist, ob ein Hersteller technischer Schutzmaßnahmen künftig aus eigenem Recht gegen jeden vorgehen kann, der sie überwindet — ohne dass ein Rechteinhaber überhaupt beteiligt sein muss.
Das wäre ein Präzedenzfall, der weit über Spiele hinausreicht. Dieselbe Logik lässt sich auf jedes Gerät anwenden, in dem eine Schutzmaßnahme steckt. Und davon stehen inzwischen einige in deinem Wohnzimmer.
Häufige Fragen
Wie kann Denuvo klagen, wenn ihnen die Spiele gar nicht gehören?
Weil die Klage nicht auf eine Urheberrechtsverletzung zielt, sondern auf § 1201 DMCA. Dieser Paragraf verbietet das Umgehen technischer Schutzmaßnahmen als eigenständigen Tatbestand. Geschützt wird damit das Schloss, nicht der Inhalt dahinter.
Warum verhandelt ein Gericht in Kalifornien?
Weil Reddit und Discord dort ihren Sitz haben. Über diese Plattformen ist voices38 öffentlich aufgetreten, und genau von ihnen will Denuvo die Daten. Gerichtsstand und Ziel der Auskunftsersuchen fallen zusammen.
Was ist der Unterschied zwischen Hypervisor-Bypass und direktem Patch?
Der Hypervisor-Bypass lässt den Schutz laufen und täuscht ihm eine saubere Umgebung vor. Der direkte Patch verändert die Prüfungen im Spiel selbst. Der erste Weg ließ sich vom Hersteller zentral blockieren, der zweite nicht.
Wie geht es weiter?
Das Gericht muss zunächst über die vorgezogenen Auskunftsersuchen entscheiden. Der nächste bekannte Termin ist die Case Management Conference am 16. Dezember 2026 in San Jose. Eine Entscheidung in der Sache gibt es bislang nicht.
Quellen
- Denuvo GmbH v. Voices38, 5:26-cv-10423 — die Gerichtsakte bei CourtListener
- Tarnkappe.info — zu den Auskunftsersuchen und der Reaktion von voices38
- heise online — zur Einreichung und zur Rechtsgrundlage


